Glücksschmiede

 

Manchmal stehe ich vor dem offenen Kühlschrank genau vor der Butter, die ich suche, aber ich sehe sie nicht. Auch Gesichter kann ich mir nur sehr schlecht merken. Ich orientiere mich an Besonderheiten, was manchmal zu peinlichen Verwechslungen führt, oder dazu, dass ich jemanden nicht erkenne, wenn derjenige zum Beispiel eine neue Frisur hat oder anders gekleidet ist. In der Natur entgeht mir nichts. Wenn ich beim Waldspaziergang ein Reh entdecke und den Hund anleine, fragt mich mein Mann lange bevor das Tier flüchtet:“Was haste denn nun schon wieder gesehen?“ Auch Pilze, Früchte und und kleinste Kreaturen kann ich mühelos aufspüren. Meine Spezialität sind vierblättrige Kleeblätter. Es ist nicht so, dass ich sie suche, ich finde sie einfach. An einem warmen Julinachmittag im letzten Jahr fand ich während einer Gassirunde gleich fünf davon. Ich ging mit dem kleinen Sträußchen geschwind nach Hause um sie zu pressen. Dann verschenke ich sie als Glücksbringer gern zu Geburtstagen. Kurz vor meiner Haustür kam mir eine Frau entgegen, die ich vom Sehen kannte, da sie auch oft mit ihrem Hund spazieren ging. Heute war sie allein und als sie mich erblickte, fing sie so bitterlich an zu weinen, dass ich nicht einfach so weitergehen konnte, ohne mich nach dem Grund ihrer Traurigkeit zu erkundigen. Sie entschuldigte sich für ihren Weinanfall und erzählte mir, dass ihr Terrier vor kurzem verstorben sei und sehr leiden musste. Die Dame konnte sich kaum beruhigen und ich habe ihr eins von den Kleeblättern geschenkt um wenigstens ein klein wenig Trost zu spenden. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sich die Frau über diese Geste so sehr freut! Sie hat sich gefühlt hundertmal bedankt und mir erzählt, dass sie in letzter Zeit nur Schlechtes erlebt hat und geradezu vom Unglück verfolgt wird. Immer wieder staunte sie über das vierblättrige Kleeblatt und konnte nicht glauben, dass ich es einfach so gefunden habe. Fest davon überzeugt, dass es ihr Glück bringen wird, verabschiedete sie sich.

Lange Zeit später, um die Weihnachtszeit herum, war ich wieder mit meinem Rocky unterwegs. Gedankenversunken zog ich um die Häuser und mein Bully schnüffelte genüßlich mal hier und mal dort. In der Ferne erblickte ich einen Menschen mit einem kleinen weißen Hund. Ich hielt diesen für den zanksüchtigen Zwergpudel, der uns schon oft angekläfft hat und wollte dem aus dem Wege gehen, also bog ich hab. Der Kampfpudel schien uns zu verfolgen! Dann hörte ich Rufe; „Hallo! So warten Sie doch mal! Laufen Sie doch nicht weg!“ Ich erkannte die damals so unglückliche Frau, die nach Luft ringend auf mich zu kam. An der Leine hatte sie keinen Kampfpudel, sondern einen jungen Maltersermischling, der sich gleich wunderbar mit Rocky verstand. Unglücklich sah sie heute allerdings nicht aus und fing sofort an zu erzählen: „Wissen Sie, wie lange ich schon nach Ihnen Ausschau halte? Endlich treffe ich Sie mal und dann laufen Sie auch noch weg!“, schimpfte sie freundlich. Ich erklärte, dass ich sie nicht erkannt habe und warum ich flüchtete. Sie hat sich nun glücklich bei mir bedankt, denn seitdem ich ihr das Kleeblatt schenkte, ist ihre Pechsträhne vorbei und ihr geht es gesundheitlich wieder richtig gut. War das schön, dieses strahlende Gesicht! Karlie hatte sie aus dem Tierheim. Eigentlich wollte sie nur einen Hund ausführen, aber dann hat sie sich sofort in das weiße seidige Knäuel verliebt.

Sie bedankte sich noch mehrmals und schrieb mir und dem Glücksblatt den Verdienst zu, dass es ihr endlich wieder gut ging.

Natürlich bin ich nicht so naiv zu glauben, dass ich dieser Frau geholfen habe. Das hat sie ganz allein getan. Von dem Augenblick an, als sie dieses Kleeblatt in der Hand hielt, hat sie beschlossen nicht mehr länger unglücklich zu sein. Sie hat keinen Gedanken mehr daran verschwendet was ihr noch alles Schlimmes zustoßen könnte, sondern ihre Aufmerksamkeit auf die schönen Dinge im Leben gerichtet. Der Glücksbringer hat einfach nur ihre Selbstheilungskräfte aktiviert. Es hätte genauso gut ohne ihn funktioniert, weil sie dazu bereit war, weil sie glücklich sein wollte. So funktioniert das Universum. Wir bekommen nicht das was wir uns wünschen, sondern das woran wir ohne Zweifel glauben.

Ein Glückskleeblatt, Glückscent, Glücksstein, Hufeisen...sind für uns greifbar und es fällt uns Menschen leichter, an etwas handfestes zu Glauben. Auch ich habe so einen Talisman. Meine Freundin schenkte ihn mir vor Jahren in einer schwierigen Zeit. Er bewirkt sie nicht, aber er erinnert mich an diese wunderbare positive Energie, die in mir wohnt.

 

 

 

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