Kohlrabi

 

Gestern in der Gemüseabteilung schnupperte ich an einem frischen Kohlrabi und entfernte die Blätter um sie in der dafür vorgesehenen Kiste zu entsorgen. Dann nahm ich den zweiten, den dritten, den vierten. Man spürt ja irgendwie, wenn man beobachtet wird. Dieses Gefühl machte sich gerade in mir breit. Ich sah nach links, nach rechts – alles unauffällig.
Aha, da unten lachen mich zwei neugierige rehbraune Augen an. Die pechschwarzen Haare sind liebevoll zu mehreren kleinen Zöpfen geflochten. Die kleine Perle fragt: „Du magst wohl Kohlrabi?“ Ich habe nicht wirklich den Draht zu Kindern und bejahe die Frage, während ich mich meinem Einkaufskorb zuwende. Noch immer fühle ich diesen Blick und drehe mich um. Der temperamentvolle Schokoengel mit seiner ansteckenden Freundlichkeit grient mich keck an. Es ist eine seltene Art von Lächeln! Ehrlich, humorvoll, wissbegierig und dennoch wissend, tief aus dem Herzen kommend. Genau dort landet es beim Gegenüber, egal ob derjenige bereit dafür ist oder nicht. Wie eine heftige Umarmung, aus welcher man sich aus irgendeinem Grund nicht befreien möchte.

Es gibt viele Gründe Kohlrabi zu mögen“, erkläre ich und bemerke, dass diese Antwort die kleine Nervensäge nicht zufriedenstellen wird. „Der Hauptgrund, dass ich ihn liebe ist, dass er nicht verpackt wurde. Außerdem bezahle ich an der Kasse pro Stück und muss nicht mehr zur Waage damit. Ich versuche so gut es geht Plastikmüll zu vermeiden und kaufe möglichst Bioprodukte. Wenn sich dann noch die Transportwege in Grenzen halten, dann schmeckt mir das Gemüse noch besser. Am liebsten mag ich Kohlrabi roh als Snack oder lege ihn aufs Brot. Manchmal fülle ich ihn auch mit Stampfkartoffeln und überbacke ihn. Mein Mann schneidet davon kleine Würfel und macht daraus Gemüse zum Überfüllen.“
Das war ja einfach! Die Kleine löste die Fesseln ihres Blickes und eilte davon. „Oma, wollen wir Kohlrabi essen?“, hörte ich sie laut rufen. „Ja, das is ne gute Idee. Den mag der Opa auch gern.“
An der Kasse sah ich das Mädchen noch einmal. Über das ganze Gesicht strahlend, hielt sie eine Knolle hoch. yesyes Doppeldaumen, junge Frau! Du hast mehr Schneid, als manche Erwachsenen. Beobachten, Antworten finden, abwägen und eine eigene Entscheidung treffen, das kann nicht jeder. Du hast etwas Großartiges getan: Du hast gehandelt! Lass dich niemals einlullen, frage, hinterfrage und mach dir eigene Gedanken! Finde Antworten, enlightened lass sie dir nicht servieren!
Ich muss während der Heimfahrt an meinen Bruder denken. Es war der Ausdruck  des Lächelns, der mich an ihn erinnerte. Im gleichen Alter ungefähr diskutierten wir über folgendes Thema: Was wäre, wenn unsere Eltern sich nicht kennengelernt hätten? Dann würde es uns nicht geben! Basti erklärte damals aufgebracht: „Natürlich würde es mich geben. Ich wäre dann nur woanders geboren. In Afrika!“ Dabei hatte er dieses einzigartige Schmunzeln im Gesicht. Immer wieder herrlich diese Vorstellung. Mein Bruder als Schokoengel.angel

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