Nur eine kleine Weihnachtsgeschichte     12.12.15

 

Gestern auf dem Weihnachtsmarkt. 16:00 bei der Pyramide. Ich fahre mit dem Bus bis zum Dobi und von dort aus schlendere ich zum Treffpunkt, wo ich mit meinen Arbeitskolleginnen verabredet bin. Der Markt ist noch nicht so überfüllt. Dieses Jahr wollen wir uns familiär keine großen Geschenke machen, da Anfang nächsten Jahres unser Umzug bevorsteht. Ich nutze die Gelegenheit, um Ausschau nach ein paar hübschen Neckigkeiten zu halten. Als ich an dem Schokoladenwerkzeugverkaufsstand stoppe, entdecke ich neben Hobeln, Zangen und Bohrmaschinen eine süße kleine Schokoschraube, die ich für satte neun Euronen erwerbe, weil ich glaube, dass meinem Mann genau diese fehlt (zwinker ;). Ich versteckte sie später zu Hause, um sie am nächsten Tag mit folgender Aufschrift zu verpacken: Fehlt dir eine Schraube Schatz? Hier ist eine als Ersatz!

Ich bemalte mir die Lippen mit dem knallrotesten Lippenstift den ich finden konnte und hinterließ einen Kussmund unter meinem Vers. Nachdem ich das Päckchen zurück ins Versteck gelegt hatte, machte ich mich auf den Weg, um noch ein paar Besorgungen zu erledigen. Ich konnte die Blicke der Leute erst nicht deuten, aber nach einiger Zeit bemerkte ich, dass meine glamourösen knallroten Lippen nicht zu meinem "schlichten Bauernlook" passten. Ich style mich ja nicht auf, wenn ich mal eben fix was erledige und so bekam ich beim Blick in den nächsten Spiegel einen herzhaften Lachanfall. Hätte nur noch gefehlt, dass ich ne Jogger und Gummistiefel trage. Aber davon wollte ich gar nicht erzählen.

Zurück zum Weihnachtsmarkt. Noch halte ich die Schraube in der Hand und wandere zielstrebig die Kröpi entlang, um mit meinen Mädels das Jahr ausklingen zu lassen. Links sichtete ich einen älteren Mann, der auf den Knien um Almosen bat. Ich blickte beschämt auf mein kleines Geschenk und ging schnell weiter. Wenige Schritte weiter saß jemand mit einem Papierstück, worauf sein Leid geschrieben stand, doch ich wollte auch noch einige Happen essen und zwei, drei Glühweine trinken. Meinem alten Freund mit dem Fischerklavier, der heute tolle Weihnachtslieder spielte, musste ich allerdings ein paar Taler hinterlassen.

Auch die Rettungshunde brauchen meine Unterstützung. Mein Mann hätte mich schon lange ermahnt. Wir könnten schon ein Haus gebaut haben, wenn ich die Kohle nicht immer zum Fenster rauswerfen würde. Endlich am Treffpunkt angelangt, mit der Hälfte des Geldes was ich vorher in der Tasche hatte, meinte ich genug Gutes getan zu haben. Wir amüsierten uns mit allerlei Leckereien, warmen Getränken, einige hatten Spaß im Riesenrad und wir irrten belustigt durch das Labyrinth.

Erneutes Begehren ließ uns weiter wandern. Nachdem wir uns an Kartoffelpuffern und Backbananen gelabt hatten, zog es uns zur Blasmusik, die in der Nähe erklang.

Ein Junge, ungefähr sieben Jahre jung, trompetet weihnachtliche Töne in die Herzen der Menschen. Sein kleiner Bruder blättert die Notenblätter um. Vielleicht ist er auch nur da, weil er so putzig ausschaut. Viele Menschen spendieren Geldstücke. Obwohl der Knabe einige Töne verfehlt, kämpfe ich mit den Tränen. Hoffentlich merkt es keiner! Manchmal berührt mich Musik, weil sie perfekt ist. Diese Klänge haben mich durch ihre Unvollkommenheit bewegt. Es wird ungemütlich und mir frieren die Finger. Fragen und Gedanken schießen durch meinen Kopf: Haben die Kinder Spaß? Wo sind die Eltern? Werden sie geliebt? Bekommen die zwei etwas von den Spenden ab? Wie mag ihr Zimmer aussehen? Mir geht durch den Kopf, dass der kniende Mann nicht so erfolgreich war. Er ist auch nicht so niedlich wie die Brüder und wahrscheinlich hat er nicht die Gabe die Leute zu amüsieren. Aber irgendein Talent besitzt doch jeder! Vielleicht hat er einfach keine Kraft mehr etwas anderes zu tun? Kniend um Almosen zu bitten, bedeutet seine Würde abzulegen. Niemand, kein Mensch auf der Welt, sollte das tun müssen! Was ihn wohl hier hergeführt hat? Was mag er erlebt haben? Warum denke ich jetzt gerade überhaupt an den Almosenmann? Am liebsten würde ich zurückgehen und ihm ein paar Münzen in seinen Becher tun.

Ich denke an die zum Asylantenheim umfunktionierte Schule vor unserem Haus. Jetzt weiß ich warum ich mich so schlecht dabei fühle. Nicht, weil ich jetzt nicht mehr weggucken kann oder kein Herz für diese Menschen habe, sondern weil es daran zerbricht. Wie soll ich das Leben genießen, wenn das Elend an meine Tür klopft? Ich freue mich auf meine neue Wohnung mit Fußbodenheizung und gehe mit meinem Luxushund am eingezäunten Gelände vorbei, um im Tierfachgeschäft gutes Futter zu kaufen.

Gehen wir weiter?“ Selbstverständlich. Apfelstücke in Amaretto eingelegt rufen nach uns. Mittelalterspektakel, Pizzahappen, gebratene Leber, Süßigkeiten… Warum kann ich das alles nicht wirklich auskosten? Weshalb habe ich ständig das Gefühl zwei, drei, vier Taler helfen nicht wirklich?

Ich kann meine Gedanken nicht abschalten. Krieg gegen den Terror. Was für ein Schachzug. Bin ich etwa ein Bauer, den man gern zuerst opfert, um andere Optionen zu ermöglichen? Ich will kein Bauer sein! Wer bewegt eigentlich die Figuren? Verdammt, was für blödes Zeug! Ich bin ein kleines dummes Weibsbild und sollte das Denken den klugen Leuten überlassen! Aber der Klügere gibt ja nach! Jetzt ist mir einiges klar. enlightened Deshalb ist die Welt, wie sie ist. Im Großen und im Kleinen. Huhu! Jemand da von euch? Ist es zum Nichtmehrnachgeben schon zu spät? Nein, so einfach will ich es mir nicht machen!

Unser aller Schicksal, sowie das unseres Planeten, bestimmt jeder Einzelne von uns. Wir tun es mit unseren Gedanken, denn die manifestieren sich in unseren Worten und Taten. Vielleicht sollten wir die ändern, um die Welt zu ändern? Jeder kann also etwas tun, wenn er bei sich selbst anfängt.      „Prohost!“

 

Die Herzlichkeit der Mädels entschädigt mein Kopfchaos und endlich gelange ich in weihnachtliche Stimmung. Es war ein wunderschöner Abend. Ich fühle mich irgendwie befreit. Vielleicht liegt es am Glüh...hick. Auf den Weltfrieden! Und täglich grüßt das Murmeltier!

Nach dem Scheidebecher steige ich in die Bahn und als ich zu Hause ankomme, schaffe ich es gerade noch die anfangs erwähnte Schraube zu verstecken. Dann erscheint auch schon mein Mann von seinem Weihnachtstreffen mit seinen Kollegen. Wir tauschen kurz unsere Erlebnisse aus, doch viel Zeit bleibt nicht, da er Samstag früh raus muss. Ich sehe in sein müdes Gesicht und beschließe mich damit abzufinden, die Welt nicht retten zu können. Jedenfalls nicht mehr heute. Vielleicht gebe ich mich ich erst einmal damit zufrieden, die gütige Seite eines Menschen zu unterstreichen. Bei der letzten Sendung - Ein Herz für Kinder - war mein Gatte plötzlich geneigt zum Telefonhörer zu greifen und zu helfen.
Ich habe es genossen, wie gut er sich danach gefühlt hat.

Merkt ihr was?

Sollte ich die Schraube lieber mir selbst schenken?

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