Vor einigen Jahren merkte ich, dass meine Sehkraft sich zunehmend verschlechterte. Es war ein schleichender Prozess und nachdem ich mit neuer Brille bei Sonnenschein immer noch nicht besser sehen konnte, stellte ich die Kompetenzen der Optiker infrage. Als dann die Verkehrsschilder für mich trotz Sehhilfe immer schlechter zu erkennen waren, ließ ich meine Augen genauer untersuchen und ein grauer Star wurde entdeckt. Bei aller Tierliebe, den musste ich loswerden! Mir wurde erklärt, es gibt keine Alternative. Nur durch eine Operation kann mein Sehvermögen wieder hergestellt werden. Das war das Letzte, was ich wollte, dass mir jemand an den Augen rum schnippelt. Der Ärger über meine Einschränkungen und meine immer größer werdende Unsicherheit überwucherte irgendwann die Angst eines operativen Eingriffs. In einem entschlossenen Moment entschied ich mich meine beiden trüben Linsen gegen Intraokularlinsen einzutauschen. Die meisten Menschen im Warteraum waren 10 bis 20 Jahre älter. Man nannte mich mit meinen 48 Lenzen: "Das Mädchen". Die ambulante Aktion verlief völlig komplikationslos. Das Schlimmste war meine Aufregung, die ich nicht verbergen konnte und die auch völlig unnötig war, denn Profis waren am Werk. Noch immer bin ich von der Arbeit der Ärzte und Schwestern schwer beeindruckt. Ein respektvolles Dankeschön an das gesamte Team der Augen Praxisklinik "Zur Himmelspforte" in Rostock. Besonderer Dank gilt Frau Dr. Heine. Im November bekam ich die erste Kunstlinse implantiert und durfte danach in Begleitung nach Hause. Am Nikolaustag war es dann so weit. Das zweite Auge wurde einen Tag zuvor operiert. Jetzt sollte der Verband entfernt werden. Unglaublich! Das erste Mal in meinem Leben konnte ich ohne Brille gut sehen! Ich kann mich gar nicht mehr einkriegen. Schon beim ersten Auge war ich völlig verblüfft, dass ich trotz "Standardlinsen" eine so gute Sicht hatte. Ich hielt es bei den ersten Spaziergängen immer wieder mit einer Hand zu – und weg war der Straßenname. Hand weg – da isser ja! Ab und zu musste ich damit aufhören, einige Leute sahen mich besorgt an und ich wollte mich nicht unterhalten, sondern meine neue Sehqualität genießen. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues. In der Adventszeit ist es natürlich die Flamme der Kerze, die mich fasziniert! Am Docht leuchtet sie erst Blau, bevor sie in Gelb- und Orangetönen erstrahlt. Und mit dem alten Auge immerhin ein gelblich warmer Kreis.

Um Lichter sah ich mit den alten Augen einen doppelten Kranz. Den Mond habe ich die letzten Jahre als große, einfarbige, trübe, Leuchtkugel wahrgenommen. So, als wenn man ein Glas anhaucht und dann durchsieht. Ein paar Tage nach dem zweiten Eingriff, hatte mein Gehirnkasten ordentlich zu tun die ganzen Informationen zu verarbeiten. Ich komme mir immer noch vor, wie ein kleines Mädchen auf Entdeckungsreise. Eine kurze Zeit sollte ich draußen noch den Verband tragen. Einige Tage nach Nikolaus ging ich dann abends mit meinen beiden neuen Augen erstmals ohne Abdeckung vor die Tür. Rocky blieb nach ein paar Schritte stehen, um zu schnüffeln und da passierte es. Ich konnte mir ein lautes Staunen nicht verkneifen: „Wow!“ Der Mond! Es fehlte zwar noch ein Stück zum Vollmond, dennoch war ich vom klaren Anblick dieses Himmelskörpers total gefesselt. Da stand ich also, mit offenem Munde und konnte nicht aufhören zu staunen, als ein Hüsteln mich aufschrecken ließ. Wie peinlich! Einem jungen Mann, der vor der Türe rauchte, kam mein Verhalten anscheinend etwas befremdlich vor. Mehr als ein schüchternes: „hallo“, habe ich nicht herausgekriegt. Ich kenne zwar diese Blicke, wenn ich manchmal mit dem Tretroller unterwegs bin, werde ich öfter komisch angegafft, aber dieser hat mich schon etwas getroffen. Jedoch auch dieses Erlebnis kann mein Entzücken über meine klare Sicht nicht mindern. Das ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Ihr könnt euch alle anstrengen wie ihr wollt, das kann keiner toppen! Danke, dass so viele mitgefiebert haben und sich jetzt mit mir freuen. Das wird mein buntestes Weihnachtsfest! Danke euch allen und bitte urteilt nicht so voreilig, wenn ihr mal jemanden beobachtet, der den Mond bestaunt;)

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